St. Stephanus: Achtet auf die Sprache!

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Zum Stephanustag

Worte und ihre Wirkung

Achtet auf die Sprache. Denn die Sprache ist sozusagen die Vorform des Handelns. Wenn die Sprache einmal auf die schiefe Bahn gekommen ist, kommt auch sehr schnell das Handeln auf die schiefe Bahn. Dann ist auch Gewalt nicht mehr fern. – So sprach im September 2020 die deutsche Altbundeskanzlerin Angela Merkel bein einem Festanlass der Konrad-Adenauer-Stiftung. Das Video ging auf Youtube viral. Was sie uns wissen lässt: Wer spricht, will sein Profil präsentieren. Und je deutlicher die Worte, desto schärfer das Profil. Die Sorge um ein scharfes Profil und dessen Verständnis treibt viele Redende an, die Profilierung durchaus mit viel Energie und Engagement anzugehen. Wie oft führt das doch dazu, dass dabei die Schmerzgrenzen des Erträglichen überschritten werden. Als Zuhörer oder Zuschauerin muss man da oft einfach durch – gutes Benehmen – auch von öffentlichen Personen – ist hier und da halt Glückssache und ein gutes Mass an Toleranz hilft, auch das auszuhalten. Immer wieder aber erleben wir öffentliche Worte, die kaum mehr zu tolerieren sind, weil sie verletzen, weil sie ausgrenzen, ja sogar töten können. Wenn die Sprache einmal auf die schiefe Bahn gekommen ist, kommt auch sehr schnell das Handeln auf die schiefe Bahn. Dann ist auch Gewalt nicht mehr fern.

Der hl. Stephanus und seine Lehre

Von so einem Dialog, der tödlich endet, erzählt der Auszug aus der Apostelgeschichte, den wir immer am Stephanustag hören. Die Stephanusgeschichte liegt immer ein bisschen quer in der Stimmungslandschaft der weihnächtlichen Festtage. Als sie seine Rede hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äusserste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn – man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass es allein bei Zähneknirschen nicht geblieben ist und dass sich da drunter auch noch das eine oder andere böse Wort gemischt hat. Und bald folgten Taten, die für den ersten Diakon der Frühen Kirche tödlich enden: Hass, der sich mit Gewalt mischt, ist keine Erscheinung der Neuzeit. Das gab es immer schon zu jenen Momenten, in denen die Sprache auf die schiefe Bahn kommt. Den Worten des Stephanus war seine Gegnerschaft nicht in der Lage, etwas entgegenzusetzen, ihr eigenes Profil verlor an Kontur, ihre Glaubwürdigkeit geriet in Gefahr, also schufen sie Fakten.

Wortlos aber weltbewegend

Wir hören und erleben die Stephanusgeschichte in den Weihnachtstagen. In deren Zentrum: das Gotteskind in der Krippe. Seine Sprache: vermutlich nicht viel mit Substanz. Seine Botschaft: im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend. Und schon an dieser Botschaft – also lange vor Stephanus – scheiden sich die Geister, obwohl sie nicht mit Worten gesprochen wurde: Kaum ist das Kind geboren, laufen die einen als Antwort zu höchstem Jubel auf: Wir hörten in der Heiligen Nacht von den Hirten, bald kommen die Magier aus der weiten Ferne. Und dann die anderen, die von ihrer Angst bis ins Mark erschüttert werden: König Herodes und sein Hof wissen nicht, was sie von all dem zu halten haben, was sie da mitbekommen, und so setzt der König mit Worten und Taten zur ersten Verfolgung an, die die Heilige Familie zur Flucht nach Ägypten zwingt.

Die Worte der Engel

Und mittendrin, da tönt der Gesang der Engel. Ihre Worte hallen nach, die uns wissen lassen: Friede soll auf Erden werden. Über die Felder von Bethlehem zieht der Gesang dahin bis in unsere Zeit. Die Ankunft Gottes als Kind in der Krippe ist von der Botschaft vom Frieden nicht zu trennen. Aber was ist denn jetzt bitte aus dieser Botschaft vom Frieden geworden, die die Engel so laut auf den Feldern Bethlehems besungen haben? Viel bleibt ja von ihr irgendwie nicht übrig. Nicht an der Krippe, nicht in der Frühen Kirche des Diakons Stephanus, nicht in der Welt von heute. Das Evangelium dieses Festtages überliefert uns scheussliche Bilder: Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Dazu haben wir die Eindrücke vom Überfall auf das Chanukka-Fest in Sydney noch vor Augen. Was wir mitbekommen von den Kriegsschauplätzen wie dem Nahen Osten, der Ukraine und von so vielen anderen mehr, haben wir im Kopf. Die Botschaft vom Frieden – nur was für Engel im Himmel?

Hör mal

Wenn Botschaften uns erreichen sollen, dann muss man ihnen auch Raum gewähren. – Der 2012 verstorbene Wirtschaftswissenschaftler und Religionspädagoge Stephen Corvey hat einmal gesagt: Wir hören nicht, um zu verstehen. Wir hören, um zu antworten. Meint: Für alles, was an unser Ohr gelangt, versuchen wir schnellst eine Reaktion zu bilden, eine Antwort zu finden. Und dabei stellt sich die Frage: Wann haben wir uns das letzte Mal Zeit genommen, um zu warten und wahrzunehmen, wie sich eine Mitteilung in uns einsenkt? Wann haben wir wahrgenommen, was Worte mit uns machen – als Botschaft, als Erfahrung? Auf die Botschaft der Engel antworten wir in diesen Weihnachtstagen mit unserem lauten und feierlichen Gloria. Aber haben wir verstanden, was diese Engel eigentlich gemeint haben, als sie vom Frieden auf Erden gesungen haben, welchen Anspruch sie vertreten? Sind ihre Worte angekommen – nicht nur in unseren Herzen, auch in unseren Köpfen?

Dabei lässt sich dann leicht auf die Kriegstreiber an den vielen Orten dieser Welt verweisen. Ihre Schuld ist schnell beschrieben, die sicher berechtigen Vorwürfe sind zackig gemacht. Aber das Hinhören und Verstehen beginnt nicht auf internationalen Friedenskonferenzen oder in Gerichtssälen wie jenem des Stephanus, – sondern an unseren Esstischen. Dort entsteht entweder jene Eintracht, die uns das Bild von der Heiligen Familie im Stall zu Bethlehem vermittelt. Oder jener persönliche, politische, religiöse, kulturelle Krach, für den der Stephanus-Prozess zu Jerusalem steht.

An den Diplomatinnen und Diplomaten in New York, Genf und Qatar liegt es, ob in Jerusalem, Gaza, Kiew und anderswo Friede wird. An uns liegt es, ob Friede wird in Überruhr oder Zürich.

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