Silbernes Priesterjubiläum: Von Influencern und Waschküchen
Zum 12. Sonntag im Jahreskreis A – 25 Jahre Priesterweihe / Überruhr
Seit ein paar Jahren wohne ich in einem kleinen Dorf einige Autominuten ausserhalb von Zürich. In der Wohnung selbst hat es unter anderem auch Waschmaschine und Trockner. Das ist praktisch, aber auch mit einem wesentlichen Nachteil verbunden: Dem Haus fehlt ein Waschkeller und damit ein Ort, an dem man regelmässig die Nachbarschaft trifft, um zum einen Wäsche zu waschen, aber auch um den neusten Tratsch aus dem Dorf, aus der Umgebung, überhaupt aus unseren Lebenszusammenhängen auszutauschen. Hier fehlt also ein bedeutendes Mittel von Social Media, betrachtet man mal eine Waschküche als analoge Erscheinungsform von WhatsApp-Chatgruppen oder Facebook-Threads, von Insta-Posts oder TikTok-Videos. Tratsch und Ratsch, vor allem, wenn er sich der Verbreitung von Good News zuwendet und sich weitestgehend Boshaftigkeiten enthält, – was bekanntlich nicht immer ganz einfach ist -, ist ein wichtiges Schmiermittel gelingenden gesellschaftlichen Miteinanders. Solche, die sich in den Waschküchen zum fröhlichen Austausch trafen oder treffen, nannte oder nennt man Tratschtanten oder -onkel – ihre Weiterentwicklung im digitalen Lebensraum von heute ruft man bekanntlich Influencer.
Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern, ruft Jesus seinen ersten – damals noch sehr analogen – Influencern, den zwölf Aposteln zu. Geht hinaus an die Brunnen der Dörfer und erzählt von dem, was euch bewegt; von dem, was ihr verstanden habt; von dem, was den Menschen zu gutem und gelingendem Leben hilft. Kurzum: Verkündet Heilsbotschaft! – Die Zwölf sind diesem Auftrag gefolgt – teils unter dem Einsatz ihres Lebens. Und sie waren offensichtlich sehr erfolgreich, sonst sässen wir heute nicht hier. Aber was ist es denn nun, was da funktioniert hat? Was ist das Geheimnis der Zwölf und aller, die ihnen folgten, dass diese Glaubensgemeinschaft – trotz aller Fehler und Schäden, die sie mitbringt,- auch heute noch Menschen – wie jetzt etwa hier – zum Feiern, zum Zeugnis und zum Lebenteilen zusammenführt.
Die Frage führt uns nochmals in die Waschküche. Hier passiert ja nicht nur Wäschewaschen und Tratsch. Hier begegnen sich Nachbarinnen und Nachbarn und lassen einander am Leben des Anderen teilhaben. Das passiert selbst dann, wenn das Menschen sind, die einander gar nicht so viel zu sagen haben oder sich sagen wollen. Wie so eine Gemeinschaft lebt auch die Kirche. Hier versammeln sich unzählige Menschen unter dem Dach der Taufe, teilen Lebensabschnitte miteinander und gehen auch wieder auseinander. – Ich freu mich sehr, dass heute hier gut fünfundzwanzig Jahre nach meiner ersten Messe als Neupriester in St. Suitbert solch eine Erfahrung wieder einmal lebendig wird. Ich freue mich sehr, heute vielen Menschen begegnen zu dürfen, die hier miteinander und mit mir vor langer Zeit einen Teil ihres Lebensweges gegangen sind – verbunden in lebendigem Glauben, in Jugendverbänden und anderen Gruppierungen, um schliesslich vielleicht ganz woanders in der Welt ihre Wege fortzusetzen. Die Wege von einst haben uns geprägt, genau wie heute hier immer noch verschiedenste Menschen geprägt werden und ihre Lebenswege gestalten.
Das hat zu tun mit diesem Gott, der uns seine lebensstiftende Zusage gegeben hat: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Diese Geborgenheit in Gottes Hand ist aber nicht nur Geschenk, sie ist auch Aufgabe. Mit meinem Gott überspringe ich Mauern, heisst es in Psalm 18. Diese Gotteskraft, die wir in der Gemeinschaft von Christinnen und Christen erfahren, lässt uns die Schritte auf unseren Lebenswegen auch immer noch dann zuversichtlich gehen, wenn die Zeiten stürmisch sind: unsere persönlichen Umstände, aber auch das Weltgeschehen. Weil wir uns von diesem Gott getragen und gehalten wissen können. Jede und jeder darf sich in der Hand Gottes geborgen fühlen, im Wissen, dass Gott uns nicht fallen lässt; auch nicht, wenn wir durch Lebenssituationen mit ungewissem Ausgang hindurch müssen; auch nicht, wenn wir wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krisen auf uns zukommen sehen. Wir sind in Gottes Hand, auch wenn das Klima zu kippen droht, – und das meint nicht nur das Wetter.
Jesus ruft den Menschen zu: Fürchtet euch nicht. Ja, mag man meinen: Einfacher gesagt als getan. Aber dieser Satz ist nicht einfach ein simpler Aufruf. Er ist die Einladung zu einer Lebenshaltung.
Das Bild von den mühe- und sorglos umherfliegenden Spatzen, von dem wir soeben im Evangelium gehört haben, will ein Stück weit eine Leichtigkeit schenken, wenn die Wege durchs Leben zu steinig und schwierig daherkommen.
Nehmen wir also heute diese geschenkte Zeit der Freude dankbar an. Lassen wir uns stärken: durch Wort und Sakrament hier im Gottesdienst, durch das Erleben bekannter und neuer Menschen nachher auf dem Kirchplatz.





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