Schau mal! – Kreuzerhöhung, ein Perspektivenwechsel
Am Anfang: ganz viel Krieg
Gestern war es also 1690 Jahre her, dass unter der Verantwortung des damaligen Kaisers Konstantin in Jerusalem die Grabeskirche eingeweiht wurde; fünfzehn Jahre nach der legendären Auffindung des Kreuzes an dieser Stelle durch Konstantins Mutter Helena. Der für diese Kirche verantwortliche Bischof war damals der Patriarch von Jerusalem, Makarios I. Am Tag nach der Einweihung der Grabeskirche initiiert Makarios einen interessanten Ritus: In großer Feier wird das aufgefundene Kreuz auf einer Anhöhe Jerusalems den Gläubigen präsentiert – vor ihnen “erhöht”. Damit war eine Tradition geschaffen, die bis heute in der lateinischen Kirche und noch viel mehr in den Kirchen des Ostens gefeiert wird; aber durchaus auch mit großen Unterbrechungen.
Denn drei Jahrhunderte nach der Einweihung der Grabeskirche erobern die Perser Jerusalem. Das Kreuz wird verschleppt, kann erst Jahre später durch den dann herrschenden Kaiser von Konstantinopel in großem Triumph wieder an seinen alten Platz zurückgebracht werden. Die gute Zeit aber währt nicht lange. Neu entstandene arabische Mächte erobern den syrisch-palästinensischen Raum, es fallen zunächst Damaskus, dann Jerusalem. Die Kreuzreliquie wird nach Konstantinopel, ins heutige türkische Istanbul, in Sicherheit gebracht und von dort schließlich an verschiedene Ort in Europa verteilt, wo sie heute noch verehrt werden.
Wie zu Ostern und Weihnachten
Damit ist die Kreuzreliquie wohl aus dem Sichtfeld der weltweiten Kirche verschwunden, nicht aber die Bedeutung der Feier von Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung. Bis zur Liturgiereform im Jahr 1960 wurden beide Feste getrennt gefeiert: Kreuzauffindung am 3. Mai und Kreuzerhöhung am 14. September. Papst Johannes XXIII. hat beide Feste dann auf einen Tag vereint. In vielen Traditionen ist die Vorbereitung auf dieses Fest mit einer kürzeren oder längeren Fastenzeit verbunden – gleich wie vor dem Osterfest und dem Weihnachtsfest auch. Diese Form der Einstimmung macht einmal mehr die tradierte Wichtigkeit des Festes deutlich. Wie Weihnachten und Ostern und andere Feiern steht Kreuzerhöhung im Range eines Herrenfestes: Fällt es auf einen Sonntag – wie 2025 – verdrängt es die Feier des Sonntags und wir hören stattdessen die Verkündigung aus der Heiligen Schrift zum Fest und nicht zum Sonntag.
Kreuzerhöhung: ein Perspektivenwechsel
Das eigentliche ‘Erlebnis’ der Kreuzerhöhung, wie es Patriarch Makarios im 4. Jahrhundert installiert hat, erleben wir an diesem Festtag so explizit kaum mehr; zumindest nicht in der lateinischen Kirche. Es ist uns erhalten geblieben zu einer anderen Gelegenheit: bei der Kreuzesdarstellung, -enthüllung und -verehrung in der Liturgie des österlichen Triduums am Karfreitag. Hier schauen wir in österlicher Erwartung aufwärts – nicht zuerst zum Kreuz, sondern zum Gekreuzigten; zu dem, der sich in allem Leid mit uns solidarisch erweist.
Denn das ist ja letztendlich der geistliche Anlass des Ereignisses der Kreuzauffindung und der Kreuzerhöhung: Inmitten der Kriegserlebnisse des vierten und siebten Jahrhunderts und aller Zeiten danach, aber auch in den Tragödien des individuellen Lebens erweist sich dieser Gott als einer, zu dem aufzublicken Leben verheißt.
Nehmen wir dieses Aufschauen noch einmal in den Blick, mit dem Makarios, der einstige Patriarch von Jerusalem, das heutige Fest begründet hat. In der ersten Lesung hörten wir schon von einem Akt des Blickrichtungswechsels. Als Gott sein Volk durch die Wüste ziehen ließ, orientierten sich die Israeliten an der erhöhten Schlange und fanden darin das Leben, das ihnen sonst durch die Schlangen am Boden genommen worden wäre. In seiner Katechese an Nikodemus, so hörten wir es im Evangelium, stellt Jesus nun einen Bezug zwischen diesem Heilsereignis in der Wüste und jenem am Kreuz her. Aber er geht jenen Schritt weiter, den Paulus im Brief an die Philipper im Christushymnus so beschreibt: “Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht”: Der Erhöhung des Gekreuzigten geht die Erniedrigung voraus und damit der Tatbeweis des Gottessohnes, solidarisch mit der Schöpfung leiden zu wollen.
Über dem Kreuz: der Himmel
Der Erhöhte provoziert den Blick nach oben. Nun wissen wir aber auch: Wer nicht vor sich schaut, lebt gefährlich, droht zu verunfallen, weil er nicht mehr sieht, wo es langgeht. Wer hochschaut, sieht auch nicht mehr, was links und rechts abgeht. Und doch ist diese riskante Orientierung am Erhöhten für einmal segensreich. Mit dem Blick auf ihn erlauben wir uns eine Alternative, machen wir für einmal Pause vom gewohnten Sehen in die immer selbe Richtung. Schauen wir in den Himmel und damit zur Ewigkeit.
So wie die junge Kirche des 4. Jahrhunderts im Erhöhten mehr erkennen konnte als nur die Leiden und Repressalien der Christenverfolgungen der ersten Zeit der Kirche, sind auch wir eingeladen, mit Blick auf den Erhöhten den Himmel offen zu sehen und in allen Schwierigkeiten und Bedrängnissen des Lebens neue Perspektiven zu entdecken. Das tut so gut, weil wir uns aus einem endlosen Drehen um uns selbst und unsere eigenen Themen befreien, weil wir uns von den Belastungen des täglichen Lebens für einen Moment entlasten, und weil wir dann neue Möglichkeiten für nächste Schritte im Leben entdecken können, die bis anhin vielleicht verstellt waren.
Das Fest Kreuzerhöhung ist eines der ältesten Feste des christlichen Festkalenders – es ist fast zeitgleich festgelegt worden wie das Weihnachtsfest am 25. Dezember. Aber unser Festtag ist nicht nur eine uralte Tradition. Er erzählt auch von unserer Hoffnung auf ein Mehr an Leben und er lässt uns einmal mehr wissen: Ohne das Kreuz am Karfreitag kein Licht am Ostermorgen – ohne Sterben und Untergang kein Auferstehen.





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